Macht und Ohnmacht – Das Spiel um Liebe, Tod und Treue

Die „Neue Werkbühne München“ gastierte am 7. April am Leibniz Gymnasium und spielte vor den 7. und 8. Klassen „Der Nibelungen Ring“. Eine Premiere, denn das Drama wurde das erste Mal vor Schülern/innen aufgeführt.
Wer hat nicht als Kind davon geträumt, einmal Ritter/in zu sein? Gegen Drachen und andere Feinde zu kämpfen, Menschen aus Notsituationen zu retten und bekannt und berühmt, groß gefeiert und um am besten noch literarisch verewigt zu werden! – So wie das „Nibelungenlied“ schon zu Beginn verspricht:
Uns wird in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet,
von rühmenswerten Helden, großer Kampfesmüh,
von Freuden und Festen, von Weinen und Klagen;
von den Kämpfen kühner Helden könnt ihr nun Wunderbares erzählt hören.
Das ist nur wenigen gelungen, aber ein Exempel dafür ist die „Sage der Nibelungen“ mit den namhaften Helden wie Siegfried, Gunter, Gernot, Giselher, Hagen von Tronje, Alberich und vielen anderen Rittern und den Frauen Brünhild und Kriemhild, die im Grunde das Schicksal lenken.
Aber was passiert eigentlich in diesem Epos des 13. Jahrhunderts, verfasst von einem uns unbekannten Mann, der sehr gebildet gewesen sein muss? Es geht um Begehren, Macht und Ohnmacht, (Vasallen-) Treue, Betrug, Enttäuschung, Rache, unglaubliches Blutvergießen, Tod und Leid und deshalb auch letztendlich um den Untergang einst starker Herrscher und deren Familien. Aber es handelt auch von Liebe; die eine ist unsagbar stark, echt und sollte mehr als ein Leben lang dauern. Das sind Kriemhild und Siegfried. Und dann gibt es noch die andere, nur scheinbare Liebe zwischen Gunter und Brünhild, die auf Betrug, Lüge, Missachtung und Vergewaltigung beruht. Beide Paare, Männer wie Frauen, machen sich schuldig, demütigen und verletzen einander, so dass unsagbares Leid ausgelöst wird.
Wie bringt man dieses mittelalterliche Epos auf die Bühne und wie kann man mit so einem alten Stoff Schüler/innen des 21. Jahrhunderts, die ungefähr dreizehn, vierzehn Jahre alt sind, in den Bann ziehen und begeistern, dass sie über 70 Minuten stillsitzen?
Der „Neuen Werkbühne München“ ist dies gelungen. Die Adaption der Nibelungensage als Drama ist schon gewagt, aber deren Realisierung auf der Bühne und noch dazu als Schultheater scheint fast unmöglich zu sein. Eine Handlung, die sich über Jahrzehnte erstreckt und so viele Facetten des Menschseins preisgibt, aber auch Massenszenen, Kämpfe, kriegerische Auseinandersetzungen, Hass, Selbstsucht Mord, auch Sexualität in aller Zärtlichkeit wie auch als Gewalttätigkeit – nichts wird in der Handlung des Nibelungenliedes tabuisiert, alles wird ausgesprochen und ausgelebt.
Aber wie ist das auf der Bühne machbar? Das Bühnenbild ist puristisch, eine dunkle Kulisse, die Scheinwerfer erzeugen mit ihrem Farbwechsel Stimmung und fokussieren die Figuren. Die Rollen sind zweifach bzw. mehrfach besetzt: Sarah Giebel als Kriemhild, Julia Rieblinger als Brünhild, Jürgen Füser als König Gunther wie auch Hagen von Tronje und zuletzt Ansgar Wilk als anonymer Dichter des Nibelungenliedes und als Siegfried tragen die Handlung. Sie schlüpfen in ihre verschiedenen Rollen, agieren als Erzähler/in und treten immer wieder aus ihrer Rolle heraus, indem sie mit dem Publikum kommunizieren und das Geschehen kommentieren und so manches auch erklären. Der Verlauf der Handlung ist eine unheimliche Fahrt mit großer Dynamik – die Ereignisse überschlagen sich, bis es zu dem grausam-blutigen Showdown kommt.
Aber dabei ist auch Humor im Spiel, zum Beispiel wird der Kampf mit dem Lindwurm ironisierend mit einem Stofftier dargestellt, Masken werden eingesetzt, das Lichtspiel einer Disco-Kugel sorgt für eine behagliche, fast schon kitschige Atmosphäre, besonders dann, wenn sich Siegfried und Kriemhild das erste Mal begegnen. Einige Male wird die Handlung von Zitaten aus dem Originaltext durchdrungen, durchaus auch in Mittelhochdeutsch, um das Martialische der Handlung zu vergegenwärtigen.
Im Epilog aber ermahnt der Verfasser, dass Krieg und Blut keine Lösung sind: „Der Mensch lernt nicht aus der Geschichte.“ „Macht ist das Motiv der Menschheit“ ist schlussendlich das Eingeständnis Brünhilds – aktueller kann ein Bezug zu unserer Gegenwart nicht sein.

 

Sabine Stamminger