„Music is the key“: Großes Sommerkonzert am Leibniz-Gymnasium

Auf den ersten Blick sind es phantasievoll bunte Schmetterlinge, mit denen das von Marie Müßigbrodt gestaltete Plakat das Sommerkonzert des Leibniz-Gymnasium ankündigt. Auf den zweiten Blick jedoch sind es geflügelte Geigen, die fröhlich durcheinander flattern, als wollten sie uns sagen: Musik verleiht Flügel. Da passt es ins Bild, dass vor der Pause, nach einem ebenso kurzweiligen wie begeisternden ersten Konzertteil das gesamte Publikum in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula zusammen mit den über 150 (!) Mitwirkenden beseelt im Kanon schmettert: „Sing, just sing, you´ll see, you´re feeling free”.

Bereits als ganz zu Beginn das Orchester die Bühne betritt, ist man beeindruckt von der schieren Größe. Hier wird eine über viele Jahre behutsam und beharrlich geführte Aufbauarbeit sichtbar, vor allem aber hörbar. So kann Martina Baumann, der die Gesamtleitung des Konzerts obliegt, gleich mit dem ersten Stück, der Eingangsmelodie von „Star Wars“, aus dem Vollen schöpfen und dieser zum Heroismus neigenden Filmmusik einen eher festlichen Charakter verleihen, ohne an Volumen einzubüßen. Aus den fernen Galaxien entführt uns die Ouvertüre aus dem „Barbier von Sevilla“ nach Andalusien. Die große Streicherabteilung strichelt die Achtel im Stakkato, während die Querflöten ihr warmes Legato darüberbreiten, bis schließlich das dramatische Finale die ganze Energie dieses gut eingespielten Orchesters freisetzt. Und dann wird es leicht und beschwingt: ein rhythmisch vielgestaltiges Medley aus „My fair Lady“, bei dem in den witzigen Modulationen sogar eine Trillerpfeife zum passenden Einsatz kommt, bringt Bewegung ins Publikum, getreu der bekannten Textzeile: „Ich hab´ getanzt heut Nacht“.

Ein Highlight sind auch immer die charmanten Auftritte des Unterstufenchors. Schade, dass beim ersten Song, dem als Musikvideo viral gegangenen „Dance Monkey“, die Chormikrophone einfach zu leise eingestellt sind. Ansonsten liefert die hochprofessionell agierende Technikabteilung den ganzen Abend über ein pannenfreies und angenehm abgemischtes Klangerlebnis. Hier jedoch werden die Stimmen zu sehr von der immerhin sehr groovigen Instrumentalabteilung dominiert. Deutlich besser wird das im serbischen Tanzlied „Niska Banja“, auch weil Lena Mischerikow an der Klarinette ihre Einwürfe sehr einfühlsam und zurückhaltend setzt. So können die wunderbar klaren Stimmen den Balkan hörbar machen. Und so glauben wir es den jungen Sängerinnen und Sängern gerne, wenn sie uns in ihrem letzten Song versprechen: „You can count on me“, und dabei auch in den hohen polyphonen Passagen klar und stabil bleiben, unterstützt von einer kleinen, aber feinen Rhythmusgruppe und dem nuancierten Pianospiel von Bettina Miegler-Warmuth.

Dass manchmal die Kunst auch in der Stückauswahl liegt, beweist die Geigenmafia mit „Narcotic“. Da spielt mit Jan Schmitt ein Fünftklässler die Drums so geschmeidig zu den Bassläufen aus Martina Baumanns E-Piano und da setzen die Streicher das gar nicht so einfach synkopierte Thema so leicht und luftig in den Raum, dass die Füße im Publikum wie von selbst zu wippen beginnen.

Nach einer sehr eigenen, zarten Version des alten Abba-Hits „Mama Mia“ für Querflöte, Viola und Klarinette, die mit sehr zart hingetupften Stakkato-Passagen gefällt, singt Mia Müßigbrodt, begleitet von Klavier, Trompete, Violoncello und Drums das elegische „No time to die“ von Billie Eilish. Eine Stimme, die unter Haut geht, mit dunklem Timbre in den tiefen Lagen und kontrollierter Strahlkraft in den Höhen, einfühlsam begleitet von einer gut eingespielten Band. In die Stille nach dem großen Applaus ertönen plötzlich von hinten fremdartige Klänge und Worte, die sich nach und nach zu einem Circle-Song von fast hypnotischer Qualität formen, vorgetragen vom Chor der neunten bis dreizehnten Klassen, der gemessenen Schritts in die Aula einzieht, rhythmisch getragen einzig von einer kleinen Handtrommel. Auf der Bühne angekommen weitet sich der Klang zur Polyphonie und es entsteht ein Lied der Erde, „Eatnemen Vuelie“, das traditionelle samische Motive mit einem dänischen Kirchenlied verbindet. Nur drei Männerstimmen bilden hier ein erstaunlich stabiles Fundament für die sehr achtsam und präzise intonierten Frauenstimmen, was besonders auch im a cappella vorgetragenen „Audite silete“ von Michael Praetorius ein sehr harmonisches Klanggefüge erzeugt. Wie vielfältig dieser Chor ist, zeigt dann ein Medley aus „König der Löwen“, das mit E-Bass, Gitarre und Drums Rockqualitäten ebenso aufblitzen lässt wie jazzige Elemente, bis schließlich das allseits bekannte „can you feel the love tonight“ so manchem ein romantisches Lächeln ins Gesicht zaubert.

Vor der Pause beweist dann das Publikum selbst seine Musikalität beim gemeinsamen Kanon „Music is the key“.

Den zweiten Teil leitet der Chor der Lehrkräfte ein und lässt zunächst mit dem romantischen „Oh du stille Zeit“ traumhafte Landschaftsbilder entstehen, bevor „Mister Sandman“, begleitet von Bettina Miegler-Warmuth am Klavier und Wolfgang Völkl am Kontrabass, mit komplexen Jazz-Harmonien ein lockeres Swingfeeling erzeugt, und verabschiedet sich schließlich ebenso schwung- wie liebevoll mit „Goodnight, Sweetheart“, einem charmant vorgetragenen Hit aus den 1950er Jahren.

Nach Irland entführt uns anschließend ein Streichquartett, zunächst sehr fein, elegisch und sehnsuchtsvoll mit dem auch als „Oh Dannyboy“ bekannten „Londonderry Air“, und dann, wie eine Aufforderung zum Tanz, mit dem Reel „The Irish Washerwoman“. Wenn im nächsten Act Sophia Obst mit ihrer Band die Ballade „Climb“ intoniert und im Publikum die erhobenen Arme zu den Worten „Keep on movin’, keep on climbin’/Keep the faith, baby/It’s all about the climb“ im Bluesrhythmus hin und her schwingen, dann hat man fast den Eindruck, die Musizierenden hätten allesamt nach diesem Motto einfach immer weiter geübt und sich weiterentwickelt, bis dieser Konzertabend entstehen konnte. Das beweisen auch die drei Jungs, die bei ihrem Auftritt im Touristenlook nicht nur den schwarzweißen Dresscode, der auf der Bühne gilt, durchbrechen, sondern mit „Spanish Flea“ auch zeigen, wie virtuos Trompete, Horn und Gitarre zusammenspielen können.  

Das große Finale bildet schließlich die Bigband, die unter der Leitung von Wolfgang Völkl noch einmal gewachsen zu sein scheint – nicht nur zahlenmäßig, sondern auch musikalisch. Da bekommt das gute alte „Tequilla“ genau den richtigen Samba-Drive, den es braucht, dass das ganze Publikum nach zwei starken Sax-Soli genau an der richtigen Stelle seinen Text ruft. Den Jazzklassiker „It don´t mean a thing“ von Duke Ellington entfaltet das Orchester mit nonchalanter Eleganz und rhythmischer Präzision, so dass nicht nur das Schlagzeugsolo zum finalen Ausruf „Yeah!“ berechtigt. Bei „Man in the mirror“ kommen dann auch endlich die Trompeten zusammen mit dem E-Piano ganz groß raus. Das gilt aber vor allem auch für die Stimme von Sophia Klaus, die im letzten Stück „Skyfall“ große Vielseitigkeit und Ausstrahlung zeigt und in den ganz leisen Passagen wie auch im Fortissimo großes Gefühl transportiert, unterstützt von der Band, die sich gefährlich leise anschleicht, um sich schließlich zum großen Finale zu steigern.

Großer Jubel im Publikum für diesen bewegenden Konzertabend, der lediglich durch die Tatsache eingetrübt wird, dass nicht nur das charmante Moderatorenpaar Eva Schmitt und Finn Fiedler, sondern auch eine ganze Reihe von langjährigen Ensemblemitgliedern nach dem bestandenen Abitur die Schule verlassen. Sicher sehen wir sie bei künftigen Schulkonzerten begeistert im Publikum.

Text: Bernd Mittenzwei