Weihnachtskonzerte 2025

Es ist nicht leicht dieses Jahr, sich von geschmeidigem Swing und Schlittenglocken abholen zu lassen in Richtung „Winter Wonderland“ angesichts steigender Außentemperaturen einerseits und einer immer frostigeren politischen Großwetterlage andererseits. Aber was zu Beginn des Weihnachtskonzerts am Leibniz-Gymnasium die Bigband abzieht, das macht schon gute Laune und Lust auf mehr. Die Songauswahl von Bandleader Wolfgang Völkl bietet wie überhaupt der ganze Konzertabend eine sehr gelungene Mischung aus schneeweiß eingefärbten Evergreens und originellen Neuentdeckungen wie dem musikalischen Wunschzettel eines Kindes, auf dem nur die zwei vorher ausgefallenen vorderen Schneidezähne stehen. Der Groove, den die bestens aufgelegte Bigband hier entwickelt, kommt dem von Nat King Cole interpretierten Original von „All I Want For Christmas“ schon sehr nahe. Und spätestens mit dem freundlich strahlenden „Feliz Navidad“ überträgt sich die Freude von der Bühne in die an zwei Abenden bis auf den letzten Platz voll besetzte Aula. Souverän meistert die junge Rhythmusgruppe an Bass, Drums und Percussion den abrupten Wechsel in ein wunderbar tänzerisch akzentuiertes Rumba-Feeling, und der Rest der großen Band zieht mit. Das wirkt alles schon sehr ausgereift und wie aus einem Guss.

Anschließend wird es mit der Ballade „Snowman“ leise und ruhig. Mit viel Soul und leicht angerautem Timbre in der Stimme bittet Marie Müßigbrodt den Schneemann, jetzt bloß nicht zu weinen. Das Cello ihrer Schwester Lina schmiegt sich warm darunter oder tupft buntes Pizzicato darüber, während des Klavierspiel Marie Geißlers für rhythmische und harmonische Klarheit sorgt.
Deutlich temperamentvoller kommt naturgemäß der Unterstufenchor auf die festlich geschmückte Bühne, und man freut sich nicht zum ersten Mal an diesem Abend über die gestochen scharfe Videoprojektion darüber, auf der man dann auch die Weihnachtskerzen sehen kann  und die Kinder der Klassen 6a und 6b, die am Boden sitzen und zu „Jingle Bells“ mit ihren Glockenspielen das Pianospiel ihrer Chorleiterin Natalia Grozenok verzieren, während der Chor eine entzückende Choreographie beisteuert. Sehr zart und gefühlvoll intonieren die jungen Sängerinnen und Sänger „Marias Wiegenlied“ und bewältigen die rhythmische Raffinesse von „Star Carol“ auch Dank der Unterstützung von Bettina Miegler-Warmuth am Klavier mit spielerischer Leichtigkeit. Wenn man die Freude sieht, mit der die Jüngsten auf der Bühne stehen, ahnt man, wie es der Musikfachschaft am Leibniz gelingt, so viele Kinder und Jugendliche für die Musik zu begeistern.

Drei Violinen und ein Violoncello intonieren dann zusammen mit dem Klavier den Winter aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Das Largo überzeugt mit rhythmischer Klarheit. Im Chor der neunten bis dreizehnten Klassen sind es ganze zwei männliche Musiker, die gleichwohl ihren Part im rhythmisch sehr anspruchsvollen „White Winter Hymnal“ souverän bewältigen. Nach einem beeindruckenden Intro mit Bodypercussion evoziert die märchenhafte Klangfarbe idealtypische Naturbilder. Im barocken Wallfahrtslied „Maria durch ein Dornwald ging“ ist die saubere Intonation in den hohen Passagen entscheidend für die frohe Botschaft, die das Stück vermittelt, während im folgenden „Winter“ die ineinander verwobenen Stimmen wie Wolken über einer verschneiten Ebene schweben und das karibische Weihnachtslied „The virgin Mary has a baby boy“ sehr akzentuiert und tänzerisch leicht daherkommt.

Nach einer langen Umbaupause setzen dann fünf Jungs einen punkrockigen Schlusspunkt des ersten Teils und hämmern mit „Christmas Dirtbag“ in Weihnachtspulli, Zipfelmütze und Sonnenbrille dem Weihnachtsmann ihren Wunschzettel an die Hütte. Cool.

Nach der Pause, in der die Q13 für das leibliche Wohl sorgt, tritt der Projektchor auf, der, eigens für dieses Konzert aus Eltern, Lehrkräften und Freundinnen der Schule gebildet, mit „Freu dich, Erd und Sternenzelt“ den zeitgenössischen Satz einer mittelalterlichen Melodie darbietet. Konzentriert und dynamisch folgen alle vier Stimmen dem Dirigat Martina Baumanns und vereinen sich zu einem ausgewogenen Gesamtklang. Das gilt auch für „Übers Gebirg Maria geht“ aus dem 16. Jahrhundert, in dem fünf Stimmen sehr kunstvoll ineinander verflochten sind und sich erst im Bekenntnis „Er ist mein Heiland“ wieder zusammenfinden. Dank der sorgfältigen Artikulation des Chores wird so die theologische Botschaft hörbar. Die ist wiederum beim zeitgenössischen „O Tannenenbaum“ eher zu vernachlässigen. Mit großer stimmlicher Präsenz und Dynamik entfaltet sich hier der parodistische Witz, der das alte „O Tannenbaum“ dekonstruiert und neu zusammensetzt, bis am Schluss sogar Gershwins „Summertime“ durchscheint. Fast möchte man wünschen, dass dieser Chor zur Dauereinrichtung wird.

Wieviel Stimmung man hingegen mit einer zurückhaltend geführten Solostimme im sensiblen Zusammenspiel mit sechs Streichern, Drums, Bass und Piano kreieren kann, zeigen Sophia Obst and Friends mit dem Slow Swing „Have yourself a merry little Christmas“. Und freundliche Zurückhaltung und Bescheidenheit scheint auch das Duett von Damian Mscisz am Horn und Martina Baumann am Klavier mit „And he shall feed his flock“ zu bestimmen. Obwohl beide mit großer Virtuosität ihr Instrument beherrschen, intonieren beide sehr kontrolliert und sensibel auf das Spiel des anderen eingehend.

Nach dem großen Umbau durch die engagierten und hervorragend eingespielten Teams von Bühnendienst und Technik wechselt Martina Baumann wieder ans Dirigentinnenpult und führt das große Orchester mit „Salsa Bells“ zu einer ganz neuen, überraschenden und frischen Variante der altgewohnten „Jingle Bells“. Das hochmotivierte Orchester folgt ihr durch wilde Rhythmuswechsel, die Streicher bleiben auch im Pizzicato sehr genau und sogar die charakteristischen Triller der Flöten sitzen perfekt.  Da singt jeder in Gedanken mit. Und das gilt auch für den bekannten Marsch aus „Der Nussknacker“, der wie ein Dialog von Streichern und Bläsern daherkommt. Und dann wird es voll auf der Bühne. Denn alle Chöre singen nun gemeinsam mit Orchester und Bigband das große „Tochter Zion“.  Wen das noch nicht anrührt, der bekommt spätestens bei „Macht hoch die Tür“ eine Gänsehaut, wenn das Publikum zusammen mit allen Musikerinnen und Musikern vom Kommen des Heilands singt. Und da wird einem dann doch irgendwie ganz weihnachtlich zumute.

Text: Bernd Mittenzwei

Fotos: Martina Busch